Barmherzigkeit heute leben

 

Das Heilige Jahr und Werke der Barmherzigkeit für heute

 

von Altbischof Joachim Wanke


Barmherzigkeit hat in den unterschiedlichen Zeiten immer auch unterschiedliche Ausprägungen gehabt. In einer Welt ohne Bestattungsinstitute war es ein Werk der Barmherzigkeit, Tote zu begraben. Aus einem Werk der Barmherzigkeit wurde später dann eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Inzwischen – angesichts der hohen Kosten einer Beerdigung – ist es schon wieder ein Werk der Barmherzigkeit, auch Hartz-IV-Empfängern ein würdiges und erschwingliches Begräbnis zu ermöglichen.

Ohne Zweifel bleiben die bekannten „Sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit“ zeitlos in Geltung: etwa Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde beherbergen, Tote bestatten, oder die sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit wie belehren, raten, trösten und zurecht weisen. Wie könnte Barmherzigkeit heute aussehen, in einer Gesellschaft, in der soziale Grundabsicherung weithin vom Staat garantiert wird?

Im „Jahr der Barmherzigkeit“, das Papst Franziskus für die Weltkirche ausgerufen hat, sei an die sieben Werke der Barmherzigkeit für Thüringen erinnert. Sie waren anlässlich des Elisabethjubiläums 2007 formuliert worden (siehe: www.bistum-erfurt.de/elisabeth), haben aber ihre Aktualität beileibe nicht eingebüßt. Was heißt heute Barmherzigkeit?

1. Einem Menschen sagen: Du gehörst dazu.

Was unsere Gesellschaft oft kalt und unbarmherzig macht, ist die Tatsache, dass in ihr Menschen an den Rand geschoben, ja vergessen werden: Arbeitslose, Ungeborene, psychisch Kranke, Asylsuchende und Flüchtlinge usw. Das positive Signal, auf welche Weise auch immer ausgesendet: „Du bist kein Außenseiter!“ „Du gehörst zu uns!“ – ist ein sehr aktuelles Werk der Barmherzigkeit.

2. Ich höre dir zu.

Eine oft gehörte und geäußerte Bitte lautet: „Hab doch einmal etwas Zeit für mich!“; „Ich bin so allein!“; „Niemand hört mir zu!“ Die Hektik des modernen Lebens, die Ökonomisierung von Pflege und Sozialleistungen zwingt zu möglichst effektivem, freilich auch zeitsparendem Handeln. Es fehlt oft – gegen den Willen der Hilfeleistenden – die Zeit, einem anderen einfach einmal zuzuhören. Zeit haben, zuhören können – ein Werk der Barmherzigkeit, paradoxerweise gerade im Zeitalter technisch perfekter, hochmoderner Kommunikation so dringlich wie nie zuvor!

3. Ich rede gut über dich.

Jeder hat das schon selbst erfahren: In einem Gespräch, einer Sitzung, einer Besprechung – da gibt es Leute, die zunächst einmal das Gute und Positive am anderen, an einem Sachverhalt, an einer Herausforderung sehen. Natürlich: Man muss auch manchmal den Finger auf Wunden legen, Kritik üben und Widerstand anmelden. Was heute freilich oft fehlt, ist die Hochschätzung des anderen, ein grundsätzliches Wohlwollen für ihn und seine Anliegen und die Achtung seiner Person.

4. Ich gehe ein Stück mit dir.

Vielen ist mit einem guten Rat allein nicht geholfen. Es bedarf in der komplizierten Welt von heute oft einer Anfangshilfe, gleichsam eines Mitgehens der ersten Schritte, bis der andere Mut und Kraft hat, allein weiterzugehen. Das Signal dieses Werkes der Barmherzigkeit lautet: „Du schaffst das! Komm, ich helfe dir beim Anfangen!“ Es geht freilich hier nicht allein um soziale Hilfestellung. Es geht um Menschen, bei denen vielleicht der Wunsch da ist, Gott zu finden. Sie brauchen Menschen, die ihnen Rede und Antwort stehen und die ein Stück eines anfangenden Glaubensweges mit ihnen mitgehen.

5. Ich teile mit dir.

Es wird auch in Zukunft keine vollkommene Gerechtigkeit auf Erden geben. Es braucht Hilfe für jene, die sich selbst nicht helfen können. Das Teilen von Geld und Gaben, von Möglichkeiten und Chancen wird in einer Welt noch so perfekter Fürsorge notwendig bleiben. Ebenso gewinnt die alte Spruchweisheit gerade angesichts wachsender gesellschaftlicher Anonymität neues Gewicht: „Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude!“

6. Ich besuche dich.

Eine vielfach bewährte Erfahrung ist: Den anderen in seinem Zuhause aufsuchen ist besser, als darauf warten, dass er zu mir kommt. Der Besuch schafft Gemeinschaft. Er holt den anderen dort ab, wo er sich sicher und stark fühlt. Die Besuchskultur in unseren Pfarreien ist sehr kostbar. Lassen wir sie nicht abreißen! Gehen wir auch auf jene zu, die nicht zu uns gehören oder die nur selten im Gottesdienst auftauchen. Sie alle gehören Gott, das sollte uns genügen.

7. Ich bete für dich.

Wer für andere betet, schaut auf sie mit anderen Augen. Er begegnet ihnen anders. Auch Nichtchristen sind dankbar, wenn für sie gebetet wird. Ein Ort in der Stadt, im Dorf, wo regelmäßig und stellvertretend alle Bewohner in die Fürbitte vor Gott eingeschlossen werden, die Lebenden und die Toten – das ist ein Segen. Sag es als Mutter, als Vater deinem Kind: Ich bete für dich! Tun wir es füreinander, gerade dort, wo es Spannungen gibt, wo Beziehungen brüchig werden, wo Worte nichts mehr ausrichten. Gottes Barmherzigkeit ist größer als unsere Ratlosigkeit und Trauer.

Textauszug aus der Broschüre „Heilige Pforten im Bistum Erfurt vom 13. Dezember 2015 bis 20. November 2016“: www.bistum-erfurt.de
 

 

Quelle: pfarrbriefservice.de